HomeAus deutschen Kriegsgefangenenlagern. 2. FolgePagina 100

JPEG (Deze pagina), 659.49 KB

TIFF (Deze pagina), 4.63 MB

PDF (Volledig document), 110.66 MB

l
Vornehmlich fällt den deutschen Geistlichen die Seel- Auch
sorge der zahlreichen Deutschrussen zu. Auch ich durfte Wo il
ï öfters zu ihnen sprechen, und nirgendwo hatte ich dank- mir 1
barere und empfänglichere Zuhörer als diese Nachkommen Wie E
F der frommen württembergischen Kolonisten und der deutschen Oder
lutherischen Balten. Unter ihnen befinden sich viele Bap-
tisten, Mennoniten, Stundisten, deren Gemeinden durch die `
rauhe Gewalt des Heiligen Synods gesprengt oder in Massen
nach Sibirien deportiert worden sind. Als ich zum ersten
Male in Wittenberg erscheinen durfte, fand ich am S0nntag­ '·
l vormittag diese zu Hunderten zählenden Deutschrussen zum "
i Gottesdienst versammelt. Ein frommer Laie war eben damit _
l beschäftigt, mit seinen Kameraden zu singen und ihnen
E nach seinem Vermögen in schlichter, kindlicher Weise das i _
, Evangelium zu erklären. Seine zitternde Stimme rang S
· sich mühevoll durch, während Tränen ihm über die Backen .:
l . rollten. Viele ihrer Kameraden waren ihnen durch den Krieg al
i entrissen worden, und der Gedanke an die ferne Heimat, in
¥ I an Haus und Frau und Kind gab diesem merkwürdigen im-
provisierten Gottesdienste ein eigenartiges, fast düsteres gg
S Gepräge . .. Wie dankbar waren sie datum, als der mich jl
begleitende deutsche Unteroffizier mich in die Baracke
hereinbrachte und freundlich aufforderte, eine kurze An-
i sprache an die Leute zu halten. In keiner Ki1‘Ch€ habe ich
E aufmerksamere Zuhörer gehabt als diese frommen Luthe-
g raner, die sich das Vermächtnis ihrer Väter mit beispiel-
{ · loser Treue und Anhänglichkeit bewahrt haben. Da wir
keine Gesangbücher hatten, schlug ich ihnen vor, ihnen
die Gesangverse Satz um Satz vorzulesen: ,,Herr Past0r,"
riefen sie mir einstimmig zu, ,,es ist gar nicht nötig,
l wir können alle Lieder auswendig." Und richtig! Sie ;··`
E sangen ohne Buch und frei aus dem Gedächtnis alle
Strophen des bekannten Liedes ,,So nimm denn meine
Hände" und ,,Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh"‘. Gr;
96 7